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Eine Gruppe von Kindern, die gemeinsam mit Laptops lernen und dabei lächeln. Verschiedene Kinder beschäftigen sich mit Technologie, haben Spaß an Teamarbeit und Bildung. Glückliche Kinder lernen mit einem Laptop, Online-Unterricht für Schüler.

Demokratiebildung und Demokratisierung der Bildung – Partizipativer Unterricht an der Green Gesamtschule, Duisburg

„Jede Schule in Deutschland muss eine Schule der Demokratie sein“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises 2023. Doch was bedeutet das konkret? Die Green Gesamtschule Duisburg hat sich zum Ziel gesetzt, Demokratiebildung ganzheitlich zu leben.

Ein Beitrag zur Demokratisierung der Bildung

„Bildungsverläufe hängen noch immer stark vom familiären Hintergrund ab“ (Deutsches Schulportal, 18.01.2025). Diese Erkenntnis wird seit Jahren von führenden Bildungsforschungsinstituten bestätigt. Die Green Gesamtschule arbeitet seit 2015 in einem Stadtteil mit großen sozioökonomischen Herausforderungen und kennt diese Problematik aus der Praxis. Die Weitergabe negativer Bildungskarrieren führt dazu, dass immer größere Teile der Gesellschaft abgehängt werden und nicht gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Demokratisierung der Bildung bedeutet, allen gesellschaftlichen Gruppen Teilhabe zu ermöglichen. Die Green Gesamtschule setzt dies erfolgreich um: Die meisten Schülerinnen und Schüler wechseln von der Grundschule mit einer Hauptschulempfehlung in Jahrgang 5, erreichen jedoch nach Jahrgang 10 regelmäßig einen MSAQ (über 60%). Grundlage dieses Erfolgs ist die Förderung von Persönlichkeitskompetenzen, verankert im didaktisch-pädagogischen Konzept der Schule, welches neben Lernerfolg auch Selbstverantwortung und demokratische Bildung stärkt.

Neben der Demokratisierung der Bildung steht die Entwicklung demokratischer Werte und die Anwendung demokratischer Handlungsmuster in praktischen Zusammenhängen im Zentrum der pädagogischen Arbeit.

KL-extended – Das didaktisch-pädagogische Konzept der Green Gesamtschule

Lernen erfolgt in sozialen Interaktionen und durch partizipative Kommunikation. Eine entwicklungsorientierte Lernumgebung ist dabei entscheidend. Das „KL-extended“-Modell, eine erweiterte Form des Kooperativen Lernens, fördert grundlegende und weiterführende Kompetenzen, damit sich Schülerinnen und Schüler zu eigenverantwortlichen und mündigen Individuen entwickeln können. Daher arbeitet die Green Gesamtschule konsequent kooperativ. Ab Jahrgang 5 lernen die Schülerinnen und Schüler in Tischgruppen, dass jeder zum Lernerfolg beiträgt und Verantwortung für sich und andere übernimmt. Dies erfordert gegenseitige Akzeptanz, Wertschätzung und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für den eigenen Lernprozess sowie die Entwicklung der Mitschülerinnen und Mitschüler. Die Schule hat dazu Gelingensbedingungen definiert, die im KL-extended-Modell zusammengeführt sind.

Sukzessiver Aufbau demokratischer Kompetenzen

KL-extended basiert auf einem Stufenmodell:

  • Stufe 1: Erwerb grundlegender Arbeitskompetenzen und sinnstiftender Kommunikation in der Gruppe.
  • Stufe 2: Auseinandersetzung mit fachlichen und überfachlichen Methoden des Wissenserwerbs
  • Stufe 3: Entwicklung eigener, erfolgsorientierter Lernzugänge.
  • Stufe 4: Selbstverantwortliche Aneignung von Bildung in „Kooperativer Freiarbeit“ und Projekten.

Die Schülerinnen und Schüler werden je nach Entwicklungsstand bedarfsorientiert von den Lehrkräften in ihren Lernprozessen begleitet. Die Lehrkraft wird im Verlauf dieses Prozesses zur Lernbegleitung, die Schülerinnen und Schüler wachsen von angeleiteten zu selbstständigen Lernenden heran.

Kooperative Freiarbeit und der Projekttag EidA (Einstieg in den Ausstieg)

Diese Entwicklung zur Mündigkeit wird durch die Unterrichtsformate „Kooperative Freiarbeit“ (im Vertretungskonzept und in der Lernzeit) sowie den Projekttag EidA („Einstieg in den Ausstieg“ aus klassischen Unterrichtsformaten) unterstützt. Hier wählen die Schülerinnen und Schüler in kooperativen Settings selbstständig Lerninhalte aus, reflektieren ihre Fortschritte und nehmen kriterienorientierte Korrekturen vor. Dies steigert ihre Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung.

Aufbau und Implementierung von KL-extended

Das didaktisch-pädagogisches Konzept ist das Ergebnis eines demokratischen Schulentwicklungsprozesses. Nachdem mehrere Jahre erfolgreich nach dem Kooperativen Lernen von Kathy und Norm Green gearbeitet worden ist, erfolgte auf einer Meilensteinkonferenz die Analyse der Stärken und Entwicklungsbedarfe des Konzepts. In Arbeitskreisen und Teamsitzungen entstanden daraus Konzepte zu Unterrichtsroutinen, Selbstlernkompetenzen, Tiefenstrukturen und kooperativen Freiarbeitsformen. Ab dem Schuljahr 2022/23 wurde „KL-extended“ zunächst in Pilotklassen eingeführt und durch gezielte Fortbildungen für alle Lehrkräfte weiterentwickelt.

Die Implementierung dieses Ansatzes in einem Gesamtkollegium von mehr als 100 Lehrkräften erfordert eine umfassende Konzipierungsphase, an der alle Teile des Kollegiums beteiligt sind. Anschließend müssen die pädagogischen Inhalte in mehreren aufeinander aufbauenden ganztägigen Veranstaltungen, Mikrofortbildungen, Teambesprechungen und Lehrkräftekonferenzen immer wieder besprochen, diskutiert und angepasst werden, um die theoretischen Grundlagen in die Praxis zu überführen. Die kontinuierliche Evaluation und Anpassung folgt im Anschluss.

Erste Erfolge und Perspektiven

In den Pilotklassen sind bereits deutliche Erfolge erkennbar: Während einige Lerngruppen vor zwei Jahren noch enge Lehrkraftbindung und Strukturierungshilfen benötigten, gestalten sie ihre Arbeitsprozesse nun weitgehend eigenständig – von der Methodenwahl über die Wahl der Sozialformen bis hin zur Recherche und Präsentation ihrer Ergebnisse. Die Schülerinnen und Schüler haben ihre Selbstlernkompetenzen spürbar verbessert, und viele erzielen mittlerweile auch fachlich bessere Leistungen.

Trotz dieser positiven Entwicklungen wird das didaktisch-pädagogische Konzept der Green Gesamtschule kontinuierlich hinterfragt und optimiert. Das Teammodell der Green Gesamtschule, in dem die Jahrgangsstufen 5 bis 13 regelmäßig Unterrichtskonzepte reflektieren und anpassen, ermöglicht eine flexible Weiterentwicklung entsprechend der Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler. In diesen Sitzungen, die im Klassenteam 5 und 6 wöchentlich und in den weiteren Jahrgängen im Zweiwochenrhythmus stattfinden, haben die Lehrkräfte die Möglichkeit, in Fallberatungen, gemeinsamen Unterrichtsplanungen und kollegialen Hospitationen die Elemente von KL-extended anzupassen und auszuprobieren.

Demokratisches Handeln in der Kommune

Die Schülerinnen und Schüler der Green Gesamtschule bringen sich aktiv in den demokratischen Diskurs der Kommune ein. In Kooperation mit der Kinder- und Jugendbühne Bahtalo, dem Bauverein Rheinhausen, dem AK Hochemmerich, dem Alevitischen Kulturverein und weiteren Partnern nehmen sie an verschiedenen öffentlichen Gesprächs- und Diskussionsformaten teil, die den Austausch und die Mitgestaltung der lokalen Gesellschaft fördern. Zu diesen Formaten gehören unter anderem:

  • Tag des Dialogs
  • Rheinhausen bittet zu Tisch
  • Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
  • Hoch die Hände, Bildungswende
  • DemokratICH – Vote for our Future
  • Teilnahme an der Juniorwahl

Diese Beteiligung unterstreicht nicht nur das demokratische Engagement der Schulgemeinschaft, sondern auch die Bedeutung der Green Gesamtschule als aktive Gestalterin demokratischer Strukturen im Quartier.