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Prävention

Wörterbuch mit dem Begriff Prävention

Präventionssensible Schulentwicklung (SE)
 

Präventives Handeln als übergeordnete Querschnittsaufgabe in der Schule lässt sich bereits aus den §1 und 2 des Schulgesetzes NRW ableiten. Hier sind das Recht auf Bildung, Erziehung und Individuelle Förderung sowie der Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule beschrieben. Präventionssensibles Handeln ist Voraussetzung, um die darin formulierten Aufträge und Ziele erreichen zu können wie z.B. die Fähigkeiten und Neigungen der jungen Menschen zu fördern, eine bestmögliche bildungsbiografische und persönliche Entfaltung der Person zu unterstützen sowie das Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl, die Natur und die Umwelt zu stärken.

Schule als Lern- und Lebensort kann dies erreichen, indem sich möglichst alle der Schulgemeinschaft zugehörigen Personen wohlfühlen. Sie bietet ein unterstützendes Umfeld sowie vielfältige Möglichkeiten und Angebote, damit Kinder und Jugendliche für das Leben wichtige Kompetenzen wie z.B. Selbstsicherheit und Kommunikations- und Problemlösefähigkeiten (Vgl. z.B. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit) erlernen und anwenden können. Die Angebote richten sich dabei nach den jeweiligen alters- und zielgruppengerechten Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen.

Präventionssensibles Handeln sollte synergetisch aufgebaut sein, um die sowohl inner- als auch außerschulisch vorhandenen Ressourcen möglichst sinnvoll zu nutzen (vgl. hierzu Notfallordner NRW „Hinsehen und Handeln“, Krisenpräventionshandbuch S. 36). 

 

Das Webangebot der QUA-LiS NRW gibt einen Überblick über für Schule relevante Handlungsfelder und Möglichkeiten nachhaltiger Präventionsarbeit.

Vertiefende, praxisnahe Informationen zum Thema "präventionssensible Schulentwicklung" werden direkt hierunter gegeben.

„Gesundheitsförderung und Prävention sind integrale Bestandteile von Schulentwicklung. Sie stellen keine Zusatzaufgaben der Schulen dar, sondern gehören zum Kern eines jeden Schulentwicklungsprozesses.“ (Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule – Beschluss der KMK vom 15.11.2012).


Die präventive Arbeit ist im Schulgesetz NRW unter §54 „Schulgesundheit“ und im RdErl. 12-21 Nr. 4 „Beratungstätigkeiten von Lehrerinnen und Lehrern“ verankert. Darüber hinaus betont das Schulgesetz NRW im Rahmen des §1 „Recht auf Bildung, Erziehung und individuelle Förderung“ und §2 „Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule“ die Berücksichtigung von individuellen Fähigkeiten und Neigungen, die schulische Unterstützung in der Entfaltung der Persönlichkeit sowie der Gestaltung des eigenen Lebens.


Im Referenzrahmen Schulqualität NRW (RRSQ) enthält der Inhaltsbereich 3 „Schulkultur“ viele Aspekte zur Förderung der präventiven Arbeit in Schule, wie z.B. die Förderung der Schutzfaktoren, das Bereitstellen eines positiven Lern- und Lebensortes, die Verständigung über Normen und Werte sowie die Festlegung von Regeln und den Umgang miteinander.


Alle an Schule bestehenden Konzepte, die Präventionsthemen aufgreifen (z.B. Medienkonzept, Schutzkonzept, Beratungskonzept), sollten dahingehend geprüft werden, ob und wie ein Bezug zueinander hergestellt werden kann oder ggf. auch ein allgemein formuliertes Präventionskonzept die Basis für alle weiteren Konzepte sein könnte.

Hier werden konkrete Impulse gegeben, die Schule im Rahmen ihres präventionssensiblen Handelns auf Ebene des Individuums, einer Gruppe oder der gesamten Schulgemeinschaft berücksichtigen bzw. daran anknüpfen und weiterentwickeln kann.

  • Willkommenskultur: Onboarding der Lehrkräfte und des päd. Personals, Begrüßung der Familien (Infomappe, Infoveranstaltungen, Patenmodelle, Kennenlerntage, -fahrten etc.)
  • Veranstaltungen zur Stärkung der Identifikation mit der Schule (z.B. Feste, Tag der Offenen Tür, Kulturveranstaltungen)
  • Barrierearme Informationsveranstaltungen zu Fachthemen (z.B. Mediennutzung, social media, Gesundheitsthemen, Erläuterungen Schulsystem, Prüfungssystem)
  • Verabschiedung und Übergänge gestalten
  • Beratung und Begleitung: Transparenz über inner – und außerschulische Ansprechpartnerinnen und -partner
  • Konzepte: z.B. Schutzkonzept gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch erstellen/überarbeiten und dazu nutzen, bestehende Konzepte aufeinander abzustimmen
  • Partizipationsmöglichkeiten schaffen und unterstützen
  • Gemeinsam Regeln, Normen und Werte erarbeiten und transparent machen, Umsetzung von Maßnahmen (z.B. Schul- und Hausordnung, Kommunikationswege und -regeln, Umgang mit Fehlverhalten, Schulprogramm, Leitbild)
  • Konkrete Präventionsthemen aufgreifen (im Unterricht, bei Projekttagen oder -wochen, Elternabenden, Konferenzen, etc.)
  • Informationsveranstaltungen, päd. Tage oder Fortbildungen zu Fachthemen (Schulabsentismus, Mobbing, Medienerziehung, Ernährung, mentale Gesundheit, etc.) für die Schulgemeinschaft
  • Gestaltung der Räume, Flure (z.B. Klassenraum gestalten, Informationsmöglichkeiten), des Schulhofs

Hilfreich beim präventionssensiblen Handeln kann sein, sich z.B. am Golden Circle von Simon Sinek zu orientieren. 

"Simon Sinek entwickelte 2009 den „Golden Circle”, der besagt, dass jeder Mensch, jeder Konzern, jedes Projekt erfolgreicher ist, wenn am Beginn eine Überzeugung, ein höherer Sinn, eine Vision steht. Diese Wurzel der Leidenschaft und Inspiration nennt er das WARUM bzw. WOFÜR (› WHY). Erst aus dem WHY entstehen das WIE (› HOW) und das WAS (› WHAT). Ein jedes Vorhaben soll demnach nicht mit den Überlegungen zum Ergebnis, zum Produkt oder zu einer konkreten Handlung beginnen, sondern mit jener inneren Überzeugung und Motivation, die überhaupt erst legitimiert und motiviert, dass etwas getan wird. Erst im zweiten Schritt wird dann erarbeitet, wie was umgesetzt und implementiert werden kann, um etwas zu erschaffen, das dem fokussierten Sinn entspricht." (Institut für soziale Arbeit e.V. (2020). Kommunale Präventionsketten Nordrhein-Westfalen. Qualitätsrahmen kommunale Gesamtstrategie. S.10)

 

Beispiele, wie die Methode angewendet werden könnte:

WHY?   Wohlbefinden in und Identifikation mit der Schule stärken

HOW?  Transparente Kommunikation zum Vorhaben z.B. über TOP bei der Lehrer-, Lehrerinnenkonferenz, Sammlung von Ideen ermöglichen, Schülerinnen- und Schülervertretung miteinbeziehen, Arbeitsprozesse unterstützen (u.a. durch die Schulleitung)

WHAT? „Willkommenskultur“ und vorhandene Konzepte diesbezüglich prüfen, z.B. bestehende Infomappe aktualisieren, Fachschaft Kunst für das Layout hinzuziehen, digitale Darstellungsmöglichkeiten prüfen, Patenmodell etablieren

 

WHY?   Meine Schule ist Schutzraum für Kinder und Jugendliche

HOW?  Beteiligung der Schulgemeinschaft durch z.B. Umfragen, Benennen eines zuständigen Teams und/oder von Personen, die Verantwortung übernehmen, Teilnahme an Fortbildungen und Qualifizierungen ermöglichen, Kommunikation und Transparenz nach innen und außen

WHAT? Konzepterstellung: z.B. Schutzkonzept gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch

Es existieren unterschiedliche wissenschaftliche Modelle, die die präventive Arbeit darstellen, oft aber nicht scharf voneinander abzugrenzen und in Zusammenhang miteinander zu sehen sind. 

  • Orientiert am Zeitpunkt

Diese Unterteilung der Prävention stammt ursprünglich aus dem Gesundheitswesen. Es besteht dabei die Schwierigkeit, zwischen Prävention und Intervention zu unterscheiden.

Primäre Prävention: Das Problem ist noch nicht aufgetreten, dies soll verhindert werden.

Sekundäre Prävention: Erste Anzeichen des Problems sind erkennbar, das Fortschreiten soll verhindert werden.

Tertiäre Prävention: Das Problem besteht bereits, eine Ausweitung und erneutes Auftreten soll verhindert und Folgeschäden vermindert werden.

 

  • Orientiert an der Reichweite

Ursprünglich auch aus dem Gesundheitswesen stammend orientiert sich dieses Modell an den Zielgruppen. Auch hier besteht die Schwierigkeit in der klaren Trennung zwischen Prävention und Intervention.

Universelle Prävention: Flächendeckend, eine Gruppe betreffend (z.B. für die ganze Schule), vor Auftreten einer Problematik

Selektive Prävention: Kleinere, ausgewählte Gruppen, Risikogruppen (z.B. Programm für Kinder aus suchtbelasteten Familien)

Indizierte Prävention: Gruppen oder Einzelpersonen mit hohem Risiko, bei denen das Problem bereits erkennbar ist, Verhinderung einer Ausweitung und von erneutem Auftreten

 

  • Orientiert an der Wirkungsdimension

Dieses Modell unterscheidet vor allem im Ansatzpunkt der präventiven Maßnahme, d.h. zwischen dem, was das Individuum präventiv tun kann und dem, was das System an Bedingungen schaffen kann.

Verhaltensprävention: Verbesserung bspw. des Gesundheitsverhaltens einzelner Personen

Verhältnisprävention: Lebenswelten und Lebensbedingungen so verändern, dass Krankheiten vermieden werden, Strukturen sind gesundheitsförderlich gestaltet

 

  • Orientiert an der Problemstellung 

Dieses Modell bezieht sich vor allem auf die Unterscheidung nach Thema bzw. die unterschiedliche Ausprägung des Problems. 

Spezifische Prävention: Konkrete Problematik, konkretes Risiko steht im Vordergrund, wobei der Ansatz sowohl auf Einzelpersonen als auch auf Gruppen bezogen sein kann (in Schule z.B. konkrete Präventionsthemen wie Mobbing, Gewalt oder Sucht, s. auch hier)

Unspezifische Prävention: Kein Bezug zu einer konkreten Problematik, sondern eher Förderung von Resilienz und Persönlichkeitsentwicklung (in Schule z.B. das soziale Miteinander fördern oder Klassenregeln gemeinsam erarbeiten)

 

Quellen: Lexikon Socialnet und Wegweiser Grüne Liste der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention.

Präventionssensible Schulentwicklung

„Schulentwicklung ist ein Prozess, in dem sich Schule – entsprechend ihren selbst definierten Zielen – systematisch und selbstreflexiv qualitativ weiterentwickelt. Die Veränderungsprozesse richten sich dabei sowohl auf eine Verbesserung des Unterrichts als auch auf die Organisationsstruktur der Schule und ihres relevanten Umfelds. Da die Wirksamkeit von Veränderungen sich erst über einen gewissen Zeitraum messen lässt, ist Schulentwicklung immer langfristig angelegt. (…) Ziel von Schulentwicklung ist es, die Qualität einer Schule als Ganzes zu steigern.“ (Deutsches Schulportal)

Eine präventionssensible Schulentwicklung fokussiert in diesem Kontext besonders die Möglichkeiten der Beratung, Unterstützung und Begleitung von Kindern, Jugendlichen und Familien. Sie stärkt die Persönlichkeiten der Schulgemeinschaft und fördert die individuellen Entwicklung, Gesundheit und das soziale Miteinander.

Unabhängig von bedarfsorientierten, themenspezifischen Präventionsangeboten (z.B. mentale Gesundheit) nimmt die präventionssensible Schulentwicklung die Gesamtheit der bestehenden Angebote, Konzepte und Netzwerke in den Blick und versucht, diese zusammen zu denken und zusammen zu führen. 

Wie bei allen schulischen Querschnittsthemen kann bei einer nachhaltigen, umfassenden Entwicklung von präventionssensiblen Schulentwicklungsprozessen z.B. eine Orientierung an dem 4-Wege-Modell von H.-G. Rolff hilfreich sein.  

Die Ausgestaltung der präventionssensiblen Schulentwicklungsprozesse benötigt belastbare Strukturen und Konzepte. Damit diese die Schulgemeinschaft nicht systematisch überfordern, sollten sie synergetisch aufgebaut sein, um die vorhandenen Ressourcen möglichst sinnvoll zu nutzen (vgl. Notfallordner NRW „Hinsehen und Handeln“, Krisenpräventionshandbuch S. 36). 

Impulse zu konkreten Fragestellungen werden unter „In der Praxis“ gegeben .

Ein primärpräventiver Präventionsansatz in Schule ist die Resilienzförderung. „Resilienz bezeichnet die Widerstandsfähigkeit eines Individuums, sich trotz ungünstiger Lebensumstände und kritischer Lebensereignisse erfolgreich weiter zu entwickeln.“ (Lexikon der Psychologie)

Kinder und Jugendliche entwickeln diese Resilienz im Laufe ihres Lebens, indem sie in Stresssituationen handeln und diese überwinden. Wie gut das jemand kann, hängt vor allem von vorhandenen Risikofaktoren und im Umkehrschluss von unterstützenden Schutzfaktoren ab. Kinder mit ähnlichen Risikofaktoren wie z.B. Armut oder Krankheit entwickeln sich unterschiedlich, je nachdem wie ihre sogenannten Schutzfaktoren ausgeprägt sind. Diese können unterteilt werden in:

Personale Schutzfaktoren (z.B.):

  • Lebenskompetenzen
  • Selbstwert
  • Selbstwirksamkeit
  • Bewältigungsstrategien
  • Gesundheit
  • Stabiles Immunsystem

Familiäre (unmittelbare, soziale) Schutzfaktoren (z.B.):

  • Verlässliche Beziehung
  • Regeln und Grenzen innerhalb der Familie
  • Raum für Entfaltung

Soziale (externe, umweltbezogene) Schutzfaktoren (z.B.):

  • Beziehungen außerhalb der Familie
  • Bildung
  • Qualität der Bildungseinrichtung

Eine präventionssensible Schulentwicklung fördert die Resilienzentwicklung, indem sie diese Schutzfaktoren gezielt in den Blick nimmt. Das kann z.B. bedeuten, unterstützende Beziehungen und begleitende Beratungen anzubieten oder aber den Umgang, das Miteinander und die Kommunikation innerhalb der Schulgemeinschaft positiv und partizipativ zu leben.

Zur Vertiefung: „Impulse zur Resilienzförderung am Lern- & Lebensort Schule

Weitere Informationen

Nachfolgend werden in alphabetischer Reihenfolge Institutionen genannt, die eine NRW weite Bedeutung haben. Ebenso werden (Material-)Hinweise zu kostenlosen Angeboten gegeben. Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.