Lange Zeit gab es die Vorstellung, dass die im Deutschunterricht erworbenen Lesestrategien im Umgang mit Sachtexten von den Schülerinnen und Schülern auf die Sachfächer einfach übertragen werden können. Mittlerweile ist deutlich geworden, dass die Fachtexte in den Fächern eigene domänenspezifische Merkmale aufweisen, die eigene domänenspezifische Lesestrategien erfordern. Diese Lesestrategien müssen für jedes Fach in jedem Fach von der Lehrkraft angeleitet und gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern trainiert werden.
Auf den folgenden Seiten werden Ihnen für die Fächer Biologie, Geschichte und Mathematik unterschiedliche Herangehensweisen anhand von Beispielen aufgezeigt, das Leseverstehen im Fachunterricht zu fördern.
Voraussetzung dafür ist, dass die Schülerinnen und Schüler flüssig lesen können. Fördermaßnahmen hierfür müssen ausgehend vom Deutschunterricht als systematische Leseförderung verankert sein.
Nachfolgend werden Anregungen für Lesen in den Fächern Biologie, Mathematik und Geschichte angeboten:
Lesen im Fach Biologie
Die Anforderungen, die das Lesen naturwissenschaftlicher Texte an Schülerinnen und Schüler stellt, sind vielfältig. Neben dem Fachwortschatz stellen besondere Satzkonstruktionen und eine hohe Informationsdichte eine besondere Herausforderung für die Schülerinnen und Schüler dar. Dazu sind Abbildungen, Schaubilder, Diagramme und Fotografien im Zusammenhang mit dem Textanteil einer Schulbuchseite für das Verständnis von großer Bedeutung. Dabei vergeht kaum eine Biologiestunde, ohne dass ein Text gelesen wird. Es kann sich um eine Aufgabenstellung, einen Schulbuchtext oder eine Experimentieranleitung handeln. Nur wenn Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, Texte sinnentnehmend zu lesen, können sie Aufgabenstellungen adäquat bearbeiten.
Die folgende Lesestrategie unterstützt die Schülerinnen und Schüler beim Verknüpfen der verschiedenen Elemente einer Schulbuchseite, hilft ihnen, den Text zu strukturieren und durch gezielte Fragestellungen das eigene Textverständnis zu überprüfen.
- Informationen für Lehrkräfte: Lesestrategien für das Lesen im naturwissenschaftlichen Fachunterricht (PDF, 349KB)
- Arbeitsblatt: Von der Blüte zur Frucht (PDF, 672KB)
Im Folgenden finden Sie Videos, in denen die Lesestrategie anhand von Unterrichtsbeispielen modelliert wird:
- Aufbau einer Blüte (MP4, 0.8MB)
- Austausch über wichtige Begrifffe (MOV, 29.2MB)
- Zusammenhänge zwischen Abbildungen und Textinformationen herstellen (MOV, 37.7MB)
In einem weiterem Video wird anhand eines Beispiels modelliert, wie man die Fragestellungen der Lesestrategie (MP4, 141MB) entwickelt.
Die Materialien werden aktuell überarbeitet. Wir bitten um Ihr Verständnis.
Material
- Das Österreichische Sprachen Kompetenz Zentrum (ÖSZ) stellt auf seinen Seiten Material für das sprachsensible Unterrichten im Fach Biologie zur Verfügung.
- ÖSZ-Material zum Thema essbare Teile der Gemüsepflanzen (PDF, 1.93MB)
- ÖSZ-Material zum Thema Immunsystem (PDF, 309KB)
Lesen im Fach Geschichte
Auf den folgenden Seiten finden Sie Informationen zum Lesen im Fach Geschichte. Die Teilbereiche befassen sich mit dem Lesen von Darstellungen und Quellen, liefern Informationen zu den sprachlichen Besonderheiten und bieten Hilfestellungen, wie das Leseverstehen der verschiedenen historischen Textgattungen gefördert werden kann. Schließlich werden die Möglichkeiten der Förderung des Leseverstehens anhand von Schulbuchseiten exemplifiziert.
Die Herausforderung für Lernende Sachtexte zu verstehen, ist kein Alleinstellungsmerkmal des Geschichtsunterrichts. Um die Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, Lesestrategien zu nutzen, ist es aber erforderlich sich mit den spezifischen Merkmalen von Geschichtstexten auseinanderzusetzen, um Leseaufgaben zu erstellen. Dabei wird in der Regel der Quellenarbeit mehr Aufmerksamkeit gewidmet als der Erschließung von Darstellungs- bzw. Verfassertexten, die in Schulbuch-Aufgaben häufig lediglich paraphrasiert werden sollen.
Unterschiedliche Studien in der englischsprachigen Geschichtsdidaktik haben sich mit dem Umgang von Schülerinnen und Schülern mit historischen Quellen und Darstellungstexten beschäftigt. Darin hat sich u.a. gezeigt, dass Lernende die Schulbuchtexte als zuverlässigste Informationsquelle bewerten. Die Autoren wurden als glaubwürdig, die Inhalte als wertneutral wahrgenommen. Demgegenüber erscheinen Quellen den Schülerinnen und Schülern oft als unzuverlässig, tendenziös oder parteiisch. Diese Einstellungen vorausgesetzt fällt es Schülerinnen und Schülern leichter, Quellen zu hinterfragen als Darstellungstexte. Daraus lässt sich ableiten, dass besonders Verfassertexte bzw. Darstellungen zu historischen Ereignissen kritischer gelesen werden müssen. Quellen als Repräsentationen vergangener sprachlicher Sinnbildungsprozesse stellen besondere Herausforderungen dar. Jedoch sind sie als Ausgangspunkt für gegenwärtige Sinnbildungen durch Darstellungen weniger dynamisch als letztere. Historische Darstellungen aktualisieren im jeweiligen zeitlichen Kontext die Bedeutung von Begriffen ständig neu, weshalb die folgend genannten herausfordernden Begriffsbildungen noch eingehender untersucht und kritisch diskutiert werden müssen.
Darstellungstexte bzw. Verfassertexte narrativieren historische Begebenheiten und Ereignisse. Die Darstellung der Begebenheiten und Ereignisse ist nicht immer chronologisch linear, also im Sinne einer Abfolge, beschrieben. Kernaussagen zu historischen Begebenheiten und Ereignissen werden mit mehreren Sätzen dargestellt, wobei nicht alle Sätze für das Verstehen der Kernaussage gleich bedeutsam sind. Dadurch erfordern Darstellungstexte von den Lesenden hohe Abstraktions- und Konkretisierungsleistungen. Dies liegt nicht zuletzt an den verwendeten Fachbegriffen.
Aus folgenden Gründen sind historische Begriffsbildungen eine Herausforderung für Lernende:
- Symbolische Begriffe (Eigennamen von Personen, Orten, Bauwerken): formallogisch sind dies gar keine Begriffe;
- Gegenstands- und funktionsbezogene Begriffe (Patrizier, Konsul, Kloster, Manufaktur): die Bedeutung erschließt sich nicht sofort, sondern ist sehr abstrakt;
- Begriffe, die komplexe Funktionszusammenhänge bezeichnen (Stadt, Kolonie, Nation): hohe Verdichtung von Informationen, die nur nach und nach entschlüsselt werden können;
- Begriffe, die Geschehenszusammenhänge bezeichnen (Investiturstreit, Wiener Kongress, Epochenbezeichnungen): komplexe Zusammenhänge werden hier verdichtet, indem bestimmte Elemente heraus- oder hervorgehoben werden;
- Deutungsbegriffe (Feudalismus, Imperialismus, Emanzipation): hier liegen keine Beobachtungen oder Verallgemeinerungen zugrunde, sondern es sind rein gedankliche Konstruktionen.
Die aufgeführten sprachlichen Merkmale gelten auch für historische Quellen, liegen dort in der Regel jedoch weit weniger verdichtet vor.
Eine eigene Kategorie bilden Quellen und Darstellungstexte aus dem Internet. Ihre Auswertung und kritische Prüfung kann mit Hilfe einer Prüftabelle (Besonderheiten digitaler Quellen, S. 3) geschehen:
Literatur und Unterrichtsideen zum historischen Begriffslernen
- Sauer, Michael (2021): Machtergreifung? Machtübernahme? Machtübertragung? Anregungen zur Begriffsarbeit (Geschichte Lernen 203, S. 10f.)
- Barricelli, Michele (2019): Sprache und interkulturelles Geschichtslernen. Eine diversitätssensible Annäherung. In: Bertram, Christiane/Kolpatzik, Andrea (Hrsg.): Sprachsensibler Geschichtsunterricht. Von der Theorie über die Empirie zur Pragmatik. Frankfurt/M.: Wochenschau, S. 25-42.
Beispiel anhand einer Schulbuchseite zur Demokratieentwicklung im antiken Athen
Hier wurden die abgedruckten Leseaufgaben um diejenigen ergänzt, die Teilziele aus dem PISA-Modell bedienen:
Indem Lehrkräfte die gedankliche Herangehensweise an Texte, (Lese-)Aufgaben, kurz: an Schulbuchseiten mit den Lernenden teilen, erleichtern sie die Arbeitsphasen immens. Wie so eine monologisierende „Veröffentlichung“ der Bearbeitung der obigen Leseaufgaben gelingen kann, zeigt folgendes Video:
-
Beispiel anhand einer Schulbuchseite zur Königserhebung Ottos I.
Auch hier wurden Leseaufgaben und –impulse ergänzend eingearbeitet, damit die Teilziele aus dem PISA-Leseverstehen-Modell erreicht werden können:
Der Leseplan unterteilt der Leseprozess in die Phasen vor, während und nach dem Lesen, um den Schülerinnen und Schüler Orientierung zu geben. Ein besonderer Fokus wird hier auf das Vorwissen gelegt. Durch die Aktivierung ihres bereits vorhandenen Wissens zu Texten und/oder fachlichen Inhalten bilden die Lernenden Leseerwartungen aus und formulieren Leseziele. Welche konkreten Fragen den Lernenden helfen können und welche Schrittfolge vom ersten Betrachten der Quelle bis hin zum gezielten Lesen ratsam ist, bildet der Leseplan ab.
- Bernsen, Daniel (2017): Arbeiten mit digitalen Quellen im Geschichtsunterricht. In: Bernsen, Daniel/Kerber, Ulf (Hrsg.): Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter. Budrich: Bonn, S. 295-303.
- Langer-Plän, Martina/Beilner, Helmut (2006): Zum Problem historischer Begriffsbildung. In: Hilke Günther-Arndt & Michael Sauer (Hrsg.): Geschichtsdidaktik empirisch. Untersuchungen zum historischen Denken und Lernen. Berlin: Lit. S. 215-250.
- Rohlfes, Joachim (2005): Geschichte und ihre Didaktik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
- Rosebrock, Cornelia/Nix, Daniel (2007): Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, S. 39.
- Sauer, Michael (2015): Begriffsarbeit im Geschichtsunterricht (Geschichte Lernen 168), S. 2-11.
- Zeiten und Menschen 1 (2015). Geschichtswerk für das Gymnasium (G8). Nordrhein-Westfalen. Schoeningh.
Material
- Eine umfangreiche Materialsammlung zu Methoden und Hilfen zum sprachsensiblen Unterrichten bietet die Plattform Sprachsensibles Unterrichten fördern, hier insbes. 06 Gesellschaftswissenschaften.
Eine Analyse von historischen Funktionsbegriffen und abstrakteren Geschehenszusammenhängen liefert Barricelli, indem er die historischen Sinnbildungsprozesse an Begriffen wie „Zuwanderer“ oder „Ghetto“ aufzeigt und dabei die kulturell höchst unterschiedlichen Bedeutungen herausstellt:
Barricelli, Michele (2019): Sprache und interkulturelles Geschichtslernen. Eine diversitätssensible Annäherung. In: Bertram, Christiane/Kolpatzik, Andrea (Hrsg.): Sprachsensibler Geschichtsunterricht. Von der Theorie über die Empirie zur Pragmatik. Frankfurt/M.: Wochenschau, S. 25-42.
Lesen im Fach Mathematik
Das Fach Mathematik gilt nicht als besonders sprachaffin. Es ist jedoch weniger die Menge an Text, die es zu bewältigen gibt, als die fachliche Spezifik, die Lernende vor Probleme stellt. In Mathematik werden nämlich sehr abstrakte Gegenstände und Sachverhalte behandelt, die nur mit einer genauen Sprache fassbar werden. Das Konzept, was beispielsweise mit dem Begriff der Geraden verbunden ist, kann nur behelfsmäßig an der Tafel sichtbar gemacht werden, die Unendlichkeit einer Geraden kann nicht abgebildet werden. Auch Begriffe aus der Alltagssprache wie der Nachfolger in Zahlenreihen weisen Fallstricke auf, denn die Bedeutung hier ist eine andere, als wenn wir von Nachfolgern in Firmen oder in der Politik sprechen. Hinter den alltagsnah klingenden Begriffen verbirgt sich eine abstrakte Herleitung, mit deren Hilfe hier Vorgänger und Nachfolger definiert werden können. Ebenso kann das Adjektiv negativ viele Bedeutungen haben, dessen Polysemantik wird im fachspezifischen Gebrauch jedoch reduziert: statt negativer medizinischer Tests oder negativer, also schlechter, Stimmung ist die Bedeutung von negativen Zahlen grundlegend anders geartet. Präzise Erklärungen, die sich an die verdichtete und abstrakte Sprache der Mathematik anschließen müssen, machen die fachlichen Gegenstände fassbar . Durch Fachsprache müssen Symbole, Formeln und Zeichenketten in ihrer Abstraktheit erfasst werden, um mit ihnen umgehen zu können.
Im Beispiel unten dient der zusammenhängende Text dazu, Vorstellungen von Räumlichem, also Konkretem, zu entwickeln (die Tiefsee und ihre Bewohner), um dann in Form eines Zahlenstrahls eine abstraktere Fachebene zu erreichen. Dadurch wird nachvollziehbar, wie das umfangreiche und mehrdeutige Adjektiv negativ im spezifisch fachlichen Kontext anzuwenden – hier auf einer Skala einzutragen – ist.
Um das Lesen im Mathematikunterricht anzuleiten, werden nun im Folgenden Aufgabenbeispiele angeführt, die sich mit unterschiedlichen Themenfeldern der Mathematik beschäftigen, sie sind auf andere Themenfelder übertragbar.
Beim ersten Lesen erhalten die Schülerinnen und Schüler keinen spezifischen Leseauftrag. Es geht lediglich darum, eine Vorstellung von der beschriebenen Unterwasserwelt zu entwickeln und in diese „einzutauchen“. In der zweiten Begegnungsphase muss dann die fachliche Perspektive eingenommen werden, um die relevanten Lage- bzw. Meterangaben in einem ersten Schritt zu entnehmen sowie in eine Tabelle einzutragen und in einem zweiten Schritt mathematisch zu sortieren. Dafür müssen die entnommenen Informationen in eine andere Darstellungsform (Zahlenstrahl) gebracht werden. Auf spielerische Weise erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler so den Bereich der negativen Zahlen und setzen sich mit den im Text beschriebenen Relations-, Abstands- und Tiefenangaben mathematisch auseinander
Hierbei handelt es sich um einen Text, in dem mathematisch relevante und nicht-relevante Inhalte zu finden sind. Die Schülerinnen und Schüler müssen erkennen, welche Informationen zu den Fragen der Aufgabenstellung passen, um dann zu identifizieren, welche Informationen nur abgelesen werden bzw. welche Zahlen und Angaben man benötigt, um die entsprechende Frage mit Hilfe einer Rechnung zu beantworten. Im Anschluss daran erfolgt eine Auseinandersetzung mit der entsprechenden mathematischen Fachsprache. Abschließend wird dann hier ein kreativer Zugang zu der mathematischen Aufgabe gewählt, indem die Schülerinnen und Schüler die mathematische Aufgabe, die sie aus einem Text herausgefiltert haben, in Form einer Bildgeschichte darstellen.
Eine weitere thematische Ergänzung zu dem Bereich „Zoo“ findet sich im Beispiel „Futterbestellung“:
In der Aufgabe sind die Schülerinnen und Schüler dazu aufgefordert, eine Futterbestellung für verschiedene Zootiere aufzugeben. Die dazu benötigten Informationen erhalten sie in Form von narrativen Kurztexten. Eingetragen werden die Futtermengen der Tiere in einen bereitgestellten:
Dabei müssen die Schülerinnen und Schüler zwischen für die Aufgabengabenstellung relevanten und nicht-relevanten Zahlenangaben unterscheiden. Mit Hilfe der Mathematik erarbeiten die Schülerinnen und Schüler dann eine Lösung und beziehen diese auf die Sachsituation zurück. Im Vordergrund dieser Aufgabe steht die Prozessorientierung und hier insbesondere das Problemlösen und das Modellieren. Sie erleben in der Auseinandersetzung mit der fiktiven Alltagssituation, die Mathematik als Werkzeug einzusetzen. So erhalten sie eine andere Perspektive auf Zahlen und auf den Umgang mit ihnen.
Material
- Eine umfangreiche Materialsammlung zu Methoden und Hilfen zum sprachsensiblen Unterrichten bietet die Plattform Sprachsensibles Unterrichten fördern, hier insbes. 09 Mathematik.
- Kurze schnell einsetzbare Impulse für den sprachsensiblen Mathematikunterricht finden sich auf PIKAS – Deutsches Zentrum für Lehrkräftebildung Mathematik.
- Meyer, Michael/Tiedemann, Kerstin (2017): Sprache im Fach Mathematik, Springer Spektrum: Berlin, S. 2.